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“FULL METAL YELLOW JACKET”

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Alèssi
Dell'Umbria – In der Übersetzung von Ambrosia Volland

"Ein
einziger Slogan wird einstimmig von allen gelben Westen akzeptiert,
'Macron démission' [Macron: Rücktritt]."

„Schreckliche
Provinzler!“ (*0)

Ludwig
XVI., 21. Januar 1793

Lasst
uns unseren Freuden nicht fernbleiben! Die Bewegung gegen das 'loi
travail' [ „Reform des Arbeitsgesetz“] im Frühjahr 2016, die
Verteidigung der 'ZAD' gegen des Flughafenprojekts NDDL im Frühling
2018 und schließlich die im Herbst entstandene Bewegung der 'Gilets
Jaunes', die sich noch immer weiter entfaltet: Der Geist der Epoche
zeigt sich jedes Mal in neuen Formen des Aufstandes. Im ersten Fall
der cortège de tête
[Frontblock der Demo. Demonstrationen wurden traditionell von den
Gewerkschaften angeführt, hier jedoch erstmals von Gruppen aus der
antagonistischen Linken], im zweiten Fall die Verteidigung eines
gemeinschaftlichen Terrains im ländlichen Raum, und schließlich die
unkontrollierbaren Blockaden und Demonstrationen im letzten Fall.

Ein
unbekanntes, aber doch vertrautes Gebiet beginnt gerade eine
politische Existenz anzunehmen. Die 'Gilets Jaunes haben sich in der
Tat in einem peripheren Raum aus „Nicht-Orten“ breitgemacht:
Kreisverkehre, Mautstellen, die Parkhäusern der Einkaufszentren.
Achsen der Zirkulation, welche die atomisierte Funktionen der neuen
städtischen Mittel- und Oberklasse organisieren und regulieren. In
dieser banalen Umgebung des Alltags, in der Millionen jeden Morgen
und Nachmittag im Stau stecken, schien es als ob 'Ereignisse' bis zur
Unmöglichkeit neutralisiert wären. Statistiken zufolge lebt etwa
die Hälfte der französischen Bevölkerung in dieser Peripherie,
unsichtbar in ihrer Verzweiflung... Für ihre Sichtbarwerdung mussten
sie erst eine gelbe Weste überstreifen, so wie andere eine
Sturmhaube oder einen schwarzen Windbreaker benutzen... Die Tatsache,
dass das Komitee Adama Traoré (a) sehr schnell zu den Kundgebungen
der 'Gilets Jaunes' in Paris aufrief ist ein Beleg;
Beaumont-sur-Oise, der Punkt an dem die Pariser Banlieus und das
Umland der Ile-de-France zusammenkommen, verkörpert genau diese
Peripherie der Metropole, welche eine politische Existenz angenommen
hat (hier nach der Ermordung Adama Traorés) und sie nicht wieder
herzugeben beabsichtigt.

Um
einen nicht unbelasteten Begriff zu verwenden, könnte man sagen,
dass es eine im wesentlichen provinzielle Bewegung ist, auf eine
völlig neue Art und Weise. In kleinen Städtchen, wo nie etwas los
ist, kommt es zu Demonstrationen und Unruhen, genau dort, wo der
Staat Bahnhöfe, Postämter, Schulen und Frauenkliniken schließen
lässt. Warum auch öffentliche Gelder für die ausgeben, die
irgendwie auch noch da sind. [***1] Die 'Gilets Jaunes' tauchen
überall auf. Einen allgemeinen Aufstand in Nantes, St. Nazaire,
Caen, Rouen gab es noch nicht, ist eher unwahrscheinlich... Aber in
Beauvais, Bar-le-Duc, Narbonne, Le Puy, Angers ist er eine Sensation.
Wir wissen, dass die überwiegende Mehrheit der Aufständischen, die
am 1. und 8. Dezember die „besseren“ Pariser Bezirke verwüsteten,
aus der Provinz kam. Ihr Umherziehen durch Paris kam eher den
Bewegungen von Hooligans in feindlichem Gebiet gleich, als dem einer
traditionellen Demonstration der Gewerkschaften. In dieser Hauptstadt
der nationalen Eliten sitzt die Verachtung für die kleinen Leute aus
der Provinz tief, und hier bekam sie die Quittung. Es wurde schon
öfters gesagt, dass Paris, inzwischen fast völlig befriedet und
gentrifiziert, nur noch geplündert und verwüstet werden kann. Aber
noch nie zuvor wurde diese Behauptung in so vorbildlicher Weise in
Handlungen umgesetzt.

„Die
Provinz“ ist ein typisch französisches Konstrukt. In dieser
Alltagssprache stellt sich die hierarchische Organisation der Nation
dar, auf den Berg nach Paris und hinab in die Provinz. Auf der Spitze
der Pyramide thront die Hauptstadt, deren Lichter das ganze Hexagon
erhellen. Allgemein gesprochen, wird in der gegenwärtigen
Konfiguration des Kapitalismus die Beziehung von Zentrum und
Peripherie eher als Netz, denn als konzentrisch gesehen. Dies ist
jedoch in Staaten, die so zentralistisch wie Frankreich strukturiert
sind, nicht der Fall. Unvermeidlich überschneiden sich die Netzwerke
der Zirkulation mit der nach wie vor entscheidenden konzentrischen
Organisation des Territoriums. Auf dem Weg hinauf nach Paris, um die
Bourgeoisie des 8. Arrondissement zu terrorisieren, stürzten die
Gilets Jaunes die Pyramide um.

Aber
der „periphere Charakter“ der Bewegung ist nicht nur geografisch
und politisch. Hier wird eine weitere Zentralität in Frage gestellt,
die der Fabrik, die für so lange Zeit die Achse war, um die sich die
Bewegungen drehten. Nun ist es nicht mehr das Unternehmen, das den
zentralen Ort der Zusammenkunft darstellt. Die Menschen, die sich bei
den Blockaden trafen, kannten sich in den meisten Fällen vorher
nicht. Ihre Komplizenschaft begründete sich in einem freiwilligen
Akt, den man politisch nennen kann. Daher die Verzweiflung der
Gewerkschaften im Angesicht dieser Bewegung und so sie beeilten sich
Anfang Dezember einen Nichtangriffspakt mit der Apparat von Macron zu
schließen [nur der unabhängige Gewerkschaftsverband 'Solidaires'
und einige Regionalgruppen der 'CGT' lehnten diese Zusammenarbeit
ab]. Dies ist auch ein Gradmesser für den Verfall der
Organisierungsform Gewerkschaft, die im Übrigen bereits im Frühjahr
2016 [Bewegungszyklus gegen das 'loi travail'] erkennbar wurde.

Laut der Marxschen Analyse lag die Entstehung des Tauschwertes in der Produktion, die Zirkulation der Waren ließ sie nur ihren Wert realisieren. Aber in dieser Dynamik des Kapitalismus sind alle Momente von einander abhängig und haben ihre Realität nur in Bezug auf die Gesamtheit, die sie so bilden. Zuerst, weil die Zirkulation den Waren ihren Wert hinzugibt und den Profit generiert, (in dem Sinne, dass sich eine ganze Industrie bildet, welche die Zirkulation sicherstellt, bestehend aus den Banken, Versicherungen, Marketing, Transport, Lagerung, Großhandel, ganz zu schweigen von den Aktivitäten, die damit verbunden sind...) [1], es wird jedoch sogar schwierig die beiden Momente voneinander zu trennen. Dies wird bei Produktion wie zum Beispiel Elektrizität klar; die Produktion eines Kernkraftwerk ist unvorstellbar ohne Hochspannungsleitungen, welche den Strom verteilen, dasselbe bei einer Ölraffinerie mit ihren Versorgungsleitungen, Lagern, und Tankstellen. Gleichermaßen können die in China hergestellten Textilien nur für die riesigen Containerschiffe produziert werden, welche die kostbaren T-Shirts zu den Häfen des Westens transportieren - und niemand wird behaupten können, dass die Seeschifffahrt keinen Wert schafft. In den Extremen verkörpert das Internet die reine Zirkulation des Werts, die fast unabhängig von der Ausbeutung lebender Arbeitskräfte ist - doch für die elektronischen Werkzeuge und Computer ist es notwendig, dass sie in einer Fabrik hergestellt wurden ... Insofern wird es problematisch, einen Teil der Aktivität, also die Produktion im Verhältnis zur Gesamtarbeit und zur Zirkulation, isoliert zu verstehen. Bereits die italienischen Genossen der 70er Jahre sprachen von der Fabrikgesellschaft - was ehrlich gesagt ein Oxymoron darstellt - eine Fabrik ist keine Gesellschaft, sondern ein System. Von einer globalen Fabrik zu sprechen, erscheint uns in einer Zeit angemessen, in der kapitalistische Unternehmen alles, was im Fabrikationsmodus existiert, was Fabrik ist, erfasst und umgestaltet. Die Hubs, seien sie auf See, am Flughafen oder auf der Straße, ein Gewerbegebiet, sogar eine Autobahn, sie alle sind [nur] so viele Rädchen in dieser globalen Fabrik. Die Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Raum, die das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Staat seit der Französischen Revolution bestimmt hatte, verblasste nun unter dem Einfluss der Dispositive, der eigentlichen Macht, welche die Zirkulation der Individuen organisiert. In der globalen Fabrik verliert die Gesellschaft ihre Mächtigkeit, während der Staat nicht mehr als ein Dienstleister ist.

Die
großen Zyklen der Arbeitskämpfe endeten mit der Krise des
fordistischen Systems. Ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre
bestanden die meisten Kämpfe in Westeuropa im Widerstand gegen die
Schließung von Unternehmen und damit gegen die Atomisierung der
Arbeiter - und alle endeten [***2] in grausamen Niederlagen. Stahl,
Minen, Werften, dann die anderen Sektoren der Industrie, alle
Hochburgen der Arbeiterklasse sind hinüber. Wir könnten den
geschichtlichen Moment datieren, an dem alles unwiederbringlich
abgleitet: Er beginnt mit der Niederlage der FIAT-Arbeiter in Turin
im Herbst 1980, setzt sich fort in Frankreich mit der Niederlage der
ungelernten migrantischen Arbeiter von Talbot 1983 und endet mit
jener der britischen Bergleute im Frühjahr 1985. Der in Westeuropa
so abgeschlossene Zyklus tritt nun in Indien oder China wieder
hervor...

,Die Tatsache, dass die Zentralität der Fabrik für die Kämpfen nun überwunden ist, bringt die Hypothese mit sich, dass die nächsten Aufstände die Unternehmen von außen übernehmen würden, nicht umgekehrt (in marxistischen Begriffen formuliert, würden sie die Zirkulation verlassen um die Produktion zu ergreifen). In Kürze: (wie die Bewegung der 'Gilets Jaunes') Die von der Peripherie ausgeht, um das Zentrum zu belagern. Nicht mehr aus der Perspektive der Selbstverwaltung, in der Arbeiter die Fabrik übernehmen, sondern eben aus der umgekehrten Perspektive. Kräfte von außerhalb, ins Leben gerufen aus einem Bruch mit der Logik der globalen Fabrik würden die Fabrik übernehmen, um sie ihren besonderen Bedürfnissen entsprechend umzugestalten. Natürlich sind wir dort noch nicht angelangt, aber dass sich die Revolten der Peripherie vervielfachen, begonnen mit dem Aufstand der Banlieus 2005 bis hin zur aktuellen Bewegung der 'Gilets Jaunes', zeigt, dass ein neuer Zyklus begonnen hat, der sich stark von dem vorherigen unterscheidet, und welcher uns noch immer überraschen kann.

,Bei den 'Gilets Jaunes' bezieht sich alles auf die Zirkulation, sowohl die ursprünglichen Forderungen als auch die 'Nicht-Orte', an denen sie formuliert wurden. Es ist vielleicht das erste Mal, dass von dort aus eine Bewegung dieser Größenordnung auftritt, ausgehend von der Ablehnung der Erhöhung der Kraftstoffsteuer. Und es gibt keinen Mangel an umweltfreundlichen Fahrradwegen über den man sich amüsieren kann. Aber in einer Welt, die auf verpflichtender Mobilität basiert, ist der Kraftstoffpreis nicht jungfräulich, außer man lebt und arbeitet im Stadtzentrum (und wir alle wissen wer die französischen Stadtzentren besetzt...). Der Arbeiter aus den Vororten ist buchstäblich von diesem Dispositiv gefangen, welches ihn zwingt zu arbeiten, um sein ihm notwendiges Auto zu bezahlen…, um zur Arbeit zu kommen! Die Aktionen sind daher auf die Verkehrskreisel fokussiert, auf Mautstellen, Parkhauseinfahrten, die Elemente dieses Dispositiv. Vor 200 Jahren rebellierte der Pöbel gegen den Anstieg des Brotpreises, jetzt rebelliert er gegen den Anstieg des Benzinpreises. [2]

Was die Frage des Kraftstoffs zu einer höchst strategischen macht, hat unsere Regierung längst verstanden. Auf dem Höhepunkt des Generalstreiks vom Mai 1968 orchestrierten sie eine Benzinknappheit (als große Lagerbestände verfügbar waren), um dann am Tag vor dem langen Pfingstwochenende die Tankstellen wieder zu beliefern... und Millionen Franzosen, die "dem Geschehen" als Zuschauer folgten waren erleichtert, und beeilten sich auf die Autobahnen zu gelangen. Diese Intrige war ohne Zweifel ein stärkerer Schlag gegen die Bewegung als die halbe Million Demonstranten für De Gaulle auf den Champs-Elysées. [3]

Im Gegensatz zu denen der fordistischen Ära, die als Masse arbeiteten, haben die heutigen atomisierten Arbeiter keinerlei Handlungsspielraum mehr in ihren Löhnen; sie stagnieren, während alles teurer wird, so müssen sie gegen die Last der Steuern auf ihre Einkommen kämpfen. In der Linken weisen einige darauf hin, dass damit das klassische Thema der liberalen Ideologie, die Steuersenkung, aufgenommen wird, und das gilt sicherlich für einen Teil der 'Gilets Jaunes', Kleinunternehmer und Händler. Aber die Mehrheit erkennt, dass eine Steuersenkung, so es sie gibt, wohl nur für sehr hohe Einkommen gilt, besonders seit der Abschaffung der Vermögenssteuer. Darüber hinaus, so wie die Frage nach dem Lohn am Unternehmen hängt, so hängt die Frage der Steuern am Staat. Sie nimmt daher automatisch eine politische Dimension an (wissend, wie bedeutend der Anteil der Kraftstoffsteuer am Staatshaushalt ist...) [4] Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist die Außerbetriebsetzung der Mautstationen und die Zerstörung der Funkstationen [für die automatische Mautabbuchung] durch die 'Gilets Jaunes' ein Zeichen, dass diese Gaunerei zunehmend als eine Art des Profits verstanden wird, die dem eines 'Ancien Régimes' würdig wäre. Nur, dass diesmal nicht die Bauern die Menschen ernähren müssen, sondern den Staat und die Autobahnbetreiber wie Vinc i... Weiterhin kann niemand übersehen, dass in den letzten Wochen viele 'Gilets Jaunes' von Steuerthemen mehr zu sozialen Forderungen übergegangen sind (speziell die Erhöhung des Mindestlohns), wenn auch die Wiedereinführung der Vermögenssteuer noch immer ganz oben auf der Liste der Forderungen steht.

Unter dem 'Ancien Régime' gab es ständig steuerfeindliche Revolten, besonders im 17. Jahrhundert, als sich die absolute Monarchie konsolidierte. [5] Mit der Französischen Revolution gab es nun eine völlige Umkehrung: Die Steuerzahlung wurde zu einem staatsbürgerlichen Akt, wie auch sich der Flagge zu verpflichten. (Wenn man bedenkt, dass die Menschen früher weggelaufen sind, wenn der Sergeant kam um sie zu rekrutieren). Dies war der historische Kraftakt der Bourgeoisie, und wir können nicht sagen, dass bereits alle seine Effekte der Vergangenheit angehören. Seitdem wird die Weigerung Steuern zu zahlen den Gesten des 'Ancien Régime' gleichgestellt. Eine Linke, die nicht über die republikanischen Institutionen hinaus denken kann, kann diese Fragen nicht mehr stellen. In der politischen Polarität des rechts-links war die steuerfeindliche Haltung das Vorrecht der liberalen Rechten, während die keynesianische Linke eine steuerfinanzierte Umverteilung durch staatliche Mechanismen befürwortete. Doch nun, wo Linke und Rechte sich auf die gleichen Positionen ausgerichtet haben, kann die antiquierte Tradition der steuerfeindlichen Revolte wieder zum Vorschein kommen ... Es ist dann aber recht paradox, dass sie sich dabei auf die Französische Revolution beziehen - Die Tricolore [***4], die Marseillaise, Demonstranten mit phrygischen Kappen...

In anderthalb Monaten werden die Gilets Jaunes das geschafft haben, was die Gewerkschaften in zwei Jahrzehnten nicht vollbringen konnten. Nicht von Gewerkschaftskadern organisiert, sind die 'Gilets Jaunes' auch nicht an institutionalisierten Handlungsweisen gefesselt, oder werden von subventionierten Bürokraten missbraucht. Und dies ermöglicht dann auch diese wunderbaren Riots in diesem Paris, in das die Provinz-Proletarier wiederholt angereist sind... (und selbst wenn einige 'Gilets Jaunes' den Vandalismus nicht akzeptieren, so macht doch ihre Anwesenheit ihn erst möglich ... und hier gibt es keine Ordner der Gewerkschaften, die die Exzesse unterbinden könnten). Das Umherziehen könnte also die klassische Demonstration ersetzen. Während der antagonistische Frontblock immer von den Gewerkschaftsdemonstrationen abhing, und am 1. Mai 2018 auch seine Begrenzungen erfuhr [hier war der Frontblock ebenso groß wie der Gewerkschaftsblock, mit einem riesigen schwarzen Block. Und dies bei einem Event ohne weiter weisende Perspektive]. Die Masse ist befreit von der Idee des Umzugs, und „lässt sich treiben“! Auf den Alleen der Innenstadt, den repräsentativen Orten par excellence, marschieren die Gewerkschaftsparaden, auf eine Weise diszipliniert und gleichzeitig disziplinierend. Dagegen war das Hin und Her [***5] der 'Gilets Jaunes' im November und Dezember 2018 von Anfang an von Diffusität und Bewegungsfreiheit geprägt.

Aber es scheint, als ob es immer mehr verdirbt; seit Mitte Dezember werden die Pariser Wegstrecken vorher bei der Präfektur hinterlegt. Und beim Marsch am 12. Januar tauchten Ordner nach dem Vorbild der Gewerkschaften auf - wer hat diese bestellt? Es ist kein Zufall, dass diese genau in dem Moment erscheinen, als Repräsentanten beginnen die Leitung zu übernehmen... In den Provinzstädten jedoch haben sich die 'Gilets Jaunes' ihre fröhlich unkontrollierbare Richtung des Umherziehens erhalten und wie oben erwähnt spielt „die Provinz“ die entscheidende Rolle für die Bewegung. Am 12. Januar in Marseille lies das Hin – und Herziehen der 'Gilets Jaunes' die Repressionsbehörden verzweifeln, völlig verrückt werden. Es folgte einer Zickzack-Route die niemand erwartete, man zog sogar durch einen Autobahntunnel, und den Robocops ging die Luft aus.

Die
Blockaden nahmen oft die Form eines 'Lagers' an und erinnerten so an
militante Besetzungen [wie z.B. beim Widerstand gegen den Flughafen
NDDL]. Daher stellt sich die Frage: Haben wir hier nicht die
Voraussetzungen für einen "aufständischen Urbanismus" der
Zukunft? Was könnten wir mit den ganzen Orten machen, für die es
nur taktisches Interesse gibt, nämlich die des Aufenthalts auf den
Zirkulationsachsen der Kraftfahrzeuge. Noch nie seit den Aufständen
der Banlieus 2005 war die Kritik des Urbanismus real so präsent. Die
Beschwörung des 'Ereignisses', das war die Bedeutung dieser
unerbittlichen Erweiterung der globalen Fabrik. Der eng getaktete
Warenfluss, welcher den Raum organisiert, kann nicht erlauben, dass
ein 'Ereignis' geschieht - ein Unfall, ein Erdbeben, eine Blockade,
ein Aufstand... In diesem Moment ist er extrem verletzlich,
ausgeliefert wie das fordistische Fließband der einfachen Sabotage.
Es ist nicht von ungefähr, dass die 'Gilets Jaunes' an mehreren
Stellen die Zufahrten zu Amazon - Verteilerzentren blockierten, ein
ikonisches Unternehmen, wenn es denn je eines gab [6]...

Die
'Lager' stellen sich als eine elementare Kommunikationsform dar, von
Occupy Oakland zum Taksim-Platz, von der Setzling
auf dem Zocalo [zentralen Platz] in Oaxaca zu den Camps
der Lakota Range, von der ZAD NDDL bis hin zur
Besetzung des Susatal. Die Konstruktion des Raumes wird zuerst
als eine politische Affirmation gesehen. Während dem
Demonstrationszug der durchschrittene Raum gleichgültig bleibt,
führt eine Besetzung zur Produktion von etwas gemeinsamen, was den
Ort neu gestaltet. In dieser Hinsicht sind die Blockaden der 'Gilets
Jaunes' das Gegenteil der 'Nuit Debout'. Während diese Versammlungen
nur zentrale Plätzen in Beschlag nahmen und damit der hierarchischen
Ordnung gehorchten, die den Raum in städtisch und suburban ordnet
und sich dem Primat der Sprache hingab, finden sich die 'Gilets
Jaunes' - Blockaden fast immer in Randgebieten oder auf den großen
Zirkulationsachsen. Ihr Primat ist das der Aktion der Blockade und so
den Beziehungen, welche sie zwischen den Teilnehmern herstellt. Dies
ist die große Innovation dieser Bewegung. Und wenn die Organisatoren
von 'Nuit Debout' mit der Präfektur über die Möglichkeit
verhandelt hatten, am Ort bleiben zu können, bleiben die Initiativen
der meisten Blockaden ohne Forderungen.

Eine
einzige Forderung ist allen 'Gilets Jaunes' gemeint: "Macron
démission" [Macron: Rücktritt]. Dieses Land, welches seinen
König zur Guillotine schickte, ist auch zwei Jahrhunderte später
das monarchistischste in Europa - daher auch die typische Wut der
Sans- Culotten, welche die 'Gilets Jaunes' antreibt [7]. Aber
der Monarch ist nicht mehr als heilige Figur eingesetzt, wie es unter
dem 'Ancien Régime' war: Die Franzosen wählen einen König und
dann, nach ein paar Monaten, hassen sie ihn. So ist der Monarch von
heute ein Produkt, obsolet, so wie alles, was heute produziert wird.
Nach Sarkozy, dem Kokser und dem manisch-depressiven Hollande, ist es
nun der eingebildete Modenarr, angetreten, um dem
Zweiparteien-System, dass bisher die 5. Republik beherrschte, ein
spektakuläres Ende zu bereiten.

Die
Tatsache, dass er noch nie zuvor gewählt worden war, machte ihn zum
richtigen Mann für die Sache: Während die politische Klasse,
bestehend aus Bürgermeistern, Präsidenten von General - und
Regionalräten, aus Abgeordneten und Senatoren, noch in klebrigen
Abhängigkeitsbeziehungen steckte, befreite die 'Macronie' die
Regierung von solcher Last. Von nun an zeigt der Staat in kühler
Behauptung, dass er nur mehr ein Dienstleister des Kapitals ist.
Keine ausgehandelten Vereinbarungen mehr, sondern nur noch
Anordnungen. In dieser Hinsicht wird der Austausch der
Zivilgesellschaft durch die globale Fabrik von der 'macronischen'
Regierung geweiht. Die präsidiale Arroganz, die bis zur Beleidigung
reicht (diese armen Scheißer!), reproduziert die Prozesse des
modernen Unternehmens, welche selbst von den Trainings- und
Erziehungstechniken der Spezialeinheiten der Armee inspiriert sind.

In
der Bewegung der 'Gilets Jaunes' nimmt das Volk daher den Platz der
Zivilgesellschaft ein, welche den Staatsbürgern [***6] so wichtig
ist. Ein Signifikant, der mit einem Schönheitsfehler behaftet ist -
vor der Französischen Revolution hätte man von der abscheulichen
Masse oder dem Pöbel gesprochen. Das Volk konstituiert sich nur in
seiner Spiegelung im Staat als homogene Einheit, dem Monarchen
entgegen gesetzt (die berühmten 99%....) und der monarchische
Charakter der Präsidentschaft Macrons verschärft diese
Doppelreflexion weiter. Das Volk bezieht sich aber auf die Nation und
damit den republikanischen Staat, die Produkte der Französischen
Revolution. Der Ausgangspunkt der Demagogie, sowohl des Front
National
als auch von France insoumise, ist es eine
Wahrheit zu postulieren, die der Sache innewohnt; das Referendum
erlaubt es dann, diese zu liefern. "Der linke Populismus sollte
diese Affekte auf demokratische Ziele ausrichten", sagt Chantal
Mouffe
, und ergänzt: "Das Volk ist immer ein kollektives
Subjekt, das diskursiv konstruiert ist. Solch eine solche
Konstruktion erfolgt notwendigerweise durch Ausgrenzung - der
Immigrant, der Sozialhilfeempfänger, usw. - das scheint die Anhänger
dieser Unterart des 'Gramcismus' nicht zu stören, und die Politiker
welche ihn [den Begriff des Volks] für sich einnehmen, teilen die
gleichen Themen in ihre symmetrischen Gegensätze: Der Demagoge
Ruffin schwingt Lobreden auf den Verwirrer [***7] Chouard,
während Mélenchon seine Faszination für die Figur des
Drouet erklärt... Der Populismus besteht darin, den Affekten,
die diese Welt produziert zu schmeicheln und sie positiv zu erhalten,
während eine revolutionäre Haltung Erwartungen auf eine Zukunft
setzt, welche im Laufe des Kampfes neue Formen einer politischen
Sensibilität gebärt. Wir verlieren nie aus dem Blick, dass die
treibende Kraft hinter der ganzen Bewegung die Negation ist. In all
diesen rebellischen Lagern, welche sich überall auf der Welt
vermehren, übergibt die transzendente Gestalt des Volkes ihren Platz
der Immanenz des Gemeinsamen.[8]

Die
bis zum Ende des Fordismus klar identifizierbaren sozialen Schichten
haben sich somit verflüssigt - was sich im Neologismus der "classe
gueule" [„die Klasse, die die Fresse aufreisst“] zeigt,
welcher gerade deshalb von Bedeutung ist, weil sich niemand damit
identifiziert. In reichen Ländern wie Frankreich wäre eigentlich
fast jeder Mittelklasse, abgesehen von der Bourgeoisie an der Spitze,
und den migrantischen Arbeitern und den Arbeitslosen an der Basis!
Man könnte zum Beispiel sagen, dass ein Hafenarbeiter aus Marseille
durch seine Arbeit Teil der alten Arbeiterklasse ist, seine
Lebensweise und Wünsche (ein Haus bauen, Kredite aufnehmen, seine
Kinder zum Studium schicken und Urlaub in einem Traumziel) ihn aber
zum Teil der neuen Mittelschicht macht. Die 'Gilets Jaunes'
identifizieren sich hauptsächlich als Arbeiter (auch die im
Ruhestand, von denen es viele in der Bewegung gibt), aber das
paradoxe ist, dass sie dies außerhalb der Sphäre der Arbeit tun.
Ihre wiederholte Beschwerde lautet: "Wir arbeiten und es reicht
nicht" (Die Variante für Rentner: "Wir haben ein Leben
lang gearbeitet und jetzt kaum genug zu essen"). All diesen
Menschen wurde Glauben gemacht, dass ein Leben in harter Arbeit
früher oder später mit einem gewissen Wohlstand belohnt werden
wird; aber nun erkennen sie gezwungenermaßen, dass diese Perspektive
nicht mehr als eine Leiter ohne Ende ist, auf der sie ihr ganzes
Leben lang klettern werden [9].

Einer
der interessantesten Texte, die über diese Bewegung veröffentlicht
wurden, bezieht sich auf eine "Tragödie des Mittelstands"
welche sich im Verhältnis zum Geld äußert [10]. "Die
Geldsorgen sind von Dauer, vor allem seid wir endlich welches haben.
Du bist Mittelschicht, wenn du genug Geld verdienst, um bewusst oder
unbewusst, direkt oder indirekt, immer nur daran zu denken. (...) Es
gibt vielleicht keine soziale Position, in der man besser weiß, was
Geld ist."

Wir
könnten hinzufügen: Während für die Ärmsten Geld nur eine
Notwendigkeit ist, während für die Reichen das Geld der Ausdruck
der Freiheit ist, ist die Mehrheit der Arbeiter in ihrem Verhältnis
zum Geld ständig zwischen diesen beiden Extremen hin- und
hergerissen - und genau so gibt es effektiv eine Mittelschicht! Es
ist das Prinzip des Spektakels, ständig diese Freiheit glitzern zu
lassen - zum Beispiel, sich im eigenen Auto frei bewegen zu können...
Dass diese Freiheit des Spektakels bedingt ist durch alltägliche
Sklaverei [***8], ist eine Erfahrung, die jeder auf intime Weise
macht, ohne sie jemals ausdrücken zu können. Und das macht die
Menschen krank, im wörtlichen Sinne. Zudem dürfen wir nie
vernachlässigen, dass es der therapeutische Aspekt des Aufstandes
ist, der ihm politische Macht gibt.

Solange
der Staat die Perspektive eines Wartens auf Volksaufstände einnimmt,
bereitet er unweigerlich den nationalistischen Demagogen das Bett. Es
ist daher kein unschuldiges Ereignis, dass Macron mit dem Vorschlag
des 'RIC', der Volksabstimmung, seinen Joker gezogen hat. Während
sich die 'Gilets Jaunes' in Richtung sozialer Forderungen entwickeln
(Erhöhung des Mindestlohns und besonders der Renten), wird versucht
diese Entwicklung abzuwürgen, indem das 'RIC' als Wunderlösung
dargestellt wird, die einen Ausweg aus dem so unbeliebten Regime
darstellen würde. Gleichzeitig bietet das 'RIC aber auch einen Weg
der Bewegung die Luft abzudrehen. Dass es zu einem Vakuum führt,
hindert es nicht daran, als Meta- Forderung zu fungieren, welche alle
Teile dieser so heterogenen Dynamik zusammenbringen würde. Und die
Menschen, die nur durch ihre Versammlungen ihre Stärke gewonnen
haben, sind von diesem Vorschlag begeistert, dabei würde doch diese
Pseudo-Konsultation alle zurück in ihre anfängliche Isolation als
Wähler zurückschicken, in binären Entscheidungen über Fangfragen
festgehalten, welche der Souverän für geeignet hält, sie dem Pöbel
zu stellen. Das Referendum ist die höchste Form des politischen
Spektakels [11].

Die
'Macronie', die bereit ist, sich auf dem Gebiet der Repräsentation
zu öffnen, um ja nichts Konkretes aufgeben zu müssen, gibt so all
denen Raum, die mehr oder weniger von Chouards Hirngespinsten
beeinflusst wurden. Wie Rafik Chekat sagt: "Das Problem
der Volksabstimmung (RIC) besteht darin, dass die Tyrannei der
Mehrheit aufrecht erhalten wird. Warum sollte die Mehrheit immer
Recht haben? Auch ohne allzu empfindlich zu sein, macht einen die
Zugehörigkeit zu einer Minderheit misstrauisch gegenüber der
Mehrheit, denn wir wissen sehr wohl, dass sie manchmal eher wie ein
Lynchmob aussieht. Kannst du dir ein #RIC direkt im Anschluss an
#charlie vorstellen? Es ist kein Zufall, dass die Forderung nach dem
RIC von „Weißen“ kommt. Aber auch jenseits der Frage des
Rassismus [***9] muss gefragt werden, was Mehrheitsbildung in einer
Konsumgesellschaft bedeutet, zu Zeiten von #BFMTV, #TF1, [beides
private Fernsehsender] und #Hanouna [sexistischer und homophober
TV-Clown]? Im Grunde genommen ist das Problem des 'RIC' das der
Abstimmung, dieses Mechanismus, der in regelmäßigen Abständen
unsere Machtlosigkeit organisiert. Wir können versuchen, die
Intervalle zu verkürzen und öfter abzustimmen, aber das wird zu
keiner Änderung in der Sache führen. Wenn wir über Subjektivierung
sprechen müssen, erschafft das Dispositiv der Abstimmung einen
bestimmten Typ von Individuum mit einem beschädigten Verhältnis zu
seiner Existenz, und speziell zur Politik, und zu öffentlichen
Angelegenheiten." Darüber hinaus ist es schwer vorstellbar,
dass die Regierung ein Referendum über die Vermögenssteuer
einberuft (laut Umfragen sind 2/3 der Franzosen dafür).

Das
Regime hat soviel Mühe Gesprächspartner zu finden, dass es auf
Facebook fischen gehen muss. Die Mehrheit der selbsternannten Führer,
fast augenblicklich von den 'Gilets Jaunes' verstoßen, werden fein
säuberlich in den Fernsehsendungen in Szene gesetzt und die Medien
zeigen systematisch fragwürdig positionierte Charaktere - was es
auch den selbstgerechten Linken ermöglicht damit zu beginnen die
Bewegung zu verurteilen. Niemals zuvor waren die Medien so
augenscheinlich das was sie sind: Neben der Polizei die zweite Säule
des Regimes. Für sie geht es darum die Idee zu verbreiten, sie banal
erscheinen zu lassen, dass es neben der Regierung nur die extreme
Rechte gibt - von denen ja bekanntlich viele in den Polizeireihen
stehen. Mit dieser Lüge hatte Macron bereits die
Präsidentschaftswahlen gewonnen, und nun hat der
Bollwerk-gegen-den-Front-National-Präsident einen neuen Trick, die
"Grand débat", und das erste Thema wird nun sein... die
Immigration!

Die Bedeutung der so genannten sozialen Netzwerke ist in diesem Fall keineswegs nur eine Anekdote. In der Peripherie sozialisiert sich das Netz. Aber dennoch hatten all diese Menschen, die sich, einem Facebook-Aufruf folgend, in gelben Warnwesten wiederfanden, ein Erlebnis, das nicht virtuell ist. Die Frage ist nun, ob die 'Gilets Jaunes' die politische Klasse ablehnen, um eine Art Internet-Demokratie einzuführen bei der die Stimmzettel durch ein Äquivalent ersetzt würden, oder ob sie sich, wie von 'Commercy' (b) ausdrücklich eingeladen, in Versammlungen eines neuen Typs organisieren werden. Denn das Netzwerk sozialisiert sich nur, indem es einem geschlossenen Kreislauf des Unter-sich-bleiben erzeugt, in dem das Charisma einzelner "Whistleblower" in der Lage ist die Tiefe der Gefühle einzufangen. Es ist eine fragmentiertere Form der Medienmanipulation, welche die Mainstream-Medien dann als Regierungstechnik unterstützen können.

Ein tunesischer Freund, der am Aufstand 2011 teilnahm, sprach von der anfänglichen Fähigkeit der Aufständischen, mit Hilfe der sozialen Netzwerke sehr schnell zu mobilisieren, aber auch davon, dass die Polizei diese Vorteile sehr schnell verstand und bald in der Lage war einzugreifen, und Falschmeldungen und Desinformation zu verbreiten ... Die Masse der Scheindebatten, die in den französischen Netzwerken kursiert, ist zweifellos vom selben Typ.

Die
Scharniere zwischen Verkehrskreisel und Generalversammlung entstehen
nach nun zwei Monaten der Unruhe. Auf der einen Seite die Verknüpfung
von Nähe und Komplizenschaft vor Ort, die es ermöglichen, ohne
lange Beratungen zu handeln - und wir wissen, wie sehr die
Diskussionen auf Versammlungen demotivieren können, wenn es um
direkte Aktion geht - was aber nur auf lokaler Ebene funktioniert.
Auf der anderen Seite die direkt miteinander verknüpften
Versammlungen, welche als Forum für strategische Reflexion und
taktische Koordination dienen können.

Aus
gegensätzlicher Perspektive gedacht, könnten die 'Gilets Jaunes'
auch eine demagogische Bewegung analog den "5 Sternen" in
Italien hervorbringen. Ein Teil ist wahrscheinlich versucht diesem
Weg zu folgen, auch wenn er bedeutet, sich vom Rest der Bewegung
abzutrennen. Es sei jedoch daran erinnert, dass die "5 Sterne"
vollständig künstlich erfunden wurden - auch wenn sie auf der
kurzlebigen Bewegung der "Forconi" [ital. Mistgabeln] mit
schwammen. Nach dem was wir heute wissen, würde es den 'Gilets
Jaunes' hier an einem für die Massenaufmerksamkeit so wichtigen
Medien-Clown wie Beppe Grillo mangeln, einem bekannten
Entertainer, der von ein paar Geschäftsleuten in den Sattel gehievt
wurde. Das berlusconische Intermezzo war aufgebraucht, und es
brauchte dringend ein neues Produkt. Italien hat sich von einer
jahrzehntelangen Regierung der Verschwörungen (P2, Andreotti, die
'Strategie der Spannung' und Allianzen mit der Mafia) zu einer
Regierung der TV-Übertragung, Mani Pulite [spektakulärer
Korruptions-Prozess], Berlusconi und Beppe Grillo
entwickelt. Das Problem mit diesem Regierungssystem ist, dass es
notwendig ist, die auftretenden Charaktere so oft zu erneuern, wie
das Showbusiness die Stars erneuern muss, die es selbst produziert.

In
einer Zeit, in der der postfordistische Kapitalismus sein Überleben
dem Aufstieg des fiktiven Kapitals verdankt und jetzt offen agieren
kann, fördert die Verurteilung der Finanzexzesse - welche das
Wesentliche beiseite lässt, nämlich die Kritik an Wert, Geld und
Ware - nur all die Wunderlösungen und Demagogien. Wir erinnern uns
zum Beispiel an den schlechten Witz der Tobin - Steuer oder an den
Kandidaten Hollande: "Mein Feind ist die Finanzwelt" (Der
war gut!). Wenn fast alle Arbeiter arbeiten, um ihre Kredite
zurückzuzahlen (vor allem fürs Auto....), ist es normal, dass die
Banken zum primäres Ziel werden, in Worten wie im Vandalismus (An
dieser Stelle eine besondere Würdigung den 'Gilets Jaunes' von
Toulouse, die vergangenen Samstag mehrere Banken geplündert haben).
Aber es gibt Grund zur Vorsicht, wenn die Hinweise auf die Banque
Rothschild etwas zu nachdrücklich sind, im Gegensatz zu BNP-Paribas
oder Société Générale (deren Rettung durch den Staat nach der
Krise 2008 die Steuerzahler 30 Milliarden Euro gekostet hat...). Die
Tatsache, dass Macron seine Karriere gerade bei dieser Bank begann,
lockt offensichtlich den Antikapitalismus der Narren hervor, die in
sozialen Netzwerken auf "jüdisches Kapital" verweisen.

Es
ist möglich, dass dieses System wirklich am Ende ist. Von seinen
brutalen Söldnern beschützt, kann es immer wieder neue
Unverschämtheiten wagen - wie zum Beispiel Ende Dezember ein
skandalöses System gegen die Arbeitslosen anzukündigen. Die Flucht
nach vorne in Form von repressiver Eskalation hat sich seit dem
Frühling 2016 weiter verschärft. Der Angriff auf die militante
Besetzung gegen das Flughafenprojekts NDDL im April/Mai diente als
großes Manöver. Dutzende Schwerverletzte und Verstümmelte,
kollektive und individuelle Demütigungen, Prügel und polizeiliche
Einschüchterung griffen ineinander und die empörten Reaktionen der
gesamten Medienkaste auf die schöne Geste Christophe Dettingers
(c)und die
anschließende Solidarität sprechen Bände über den ekelhaften
Zynismus dieser Lakaien der Macht. Wenn wir nur all die Demonstranten
sehen könnten, die systematisch von der Polizei verstümmelt wurden,
und von denen sie nie sprechen. Wie sogar einige Polizeiführer
zugaben, gab es Anweisungen von oben schwere Verletzungen in Kauf zu
nehmen. Die Menschen aber lernen, und wir sehen, dass immer mehr
Demonstranten zumindest zum Selbstschutz ausgerüstet sind (mit
Gasmasken, Skibrillen, Schals, Handschuhen, etc.). Aber es ist klar,
dass die Bewegung noch nirgendwo in der Lage ist, sich in einem Maße
zu organisieren, um die Polizei zu besiegen, und hier zeigt sich auch
der demobilisierende Charakter pazifistischer Reden. Das verweist
auch auf die beschränkte Effektivität der Blockaden. Die Polizei
hatte bisher keine Schwierigkeiten Zugänge freizuräumen,
insbesondere an strategischen Standorten wie den Ölraffinerien - aus
diesem Blickwinkel nichts Neues im Vergleich zum Frühjahr 2016.
Darüber hinaus erscheinen seit einiger Zeit in den Samstagsmärschen
selbsternannte Ordner, unter denen es sowohl ehemalige Soldaten als
auch Überläufer der CGT-Ordner gibt. Und auch wenn sie Probleme
haben die Masse zu kontrollieren, sollte so etwas eigentlich nicht
möglich sein.

Diese
Bewegung, die keiner vertikalen und zentralisierten Führung
gehorcht, führt zu einer Vervielfachung lokaler Initiativen. Aber
diese können von einem Ort zum anderen völlig verschieden sein.
Nach zwei Monaten der Aufregung rückt die Zeit der Entscheidung
näher. Eine Partei, im historischen Sinne des Wortes, erweist sich
als die siegreiche Partei, indem sie sich in zwei Parteien
aufspaltet: Sie beweist damit, dass in ihr selbst das Prinzip
enthalten ist, mit dem sie bisher gegen die Außenwelt kämpfte, und
entledigt sich damit der Einseitigkeit, mit der sie die Szene betrat.
Die gegensätzlichen Elemente, die innerhalb der Bewegung
nebeneinander stehen, blieben bisher durch die geteilte Feindschaft
gegen das derzeitige Regime bestehen. Die Befürworter eines
institutionellen Auswegs - der natürlich autoritärer und
rassistischer Natur wäre - würden dann gegen die Befürworter einer
Erweiterung der Bewegung auf alle Aspekte der globalen Fabrik aus
einer revolutionären Perspektive stehen. Tatsächlich vervielfachen
sich die Fälle von Arbeitskämpfen, bei denen 'Gilets Jaunes' und
"chasubles rouges" [rote Jacken der Gewerkschaften bei
Streiks] zusammen Streikposten stehen. Es ist nicht schwer
vorstellbar, dass die Bewegung einen Anstoß für Arbeiter gibt,
basierend auf konkreten Forderungen, ihre Unternehmen von innen zu
blockieren. Die Leitungen der nationalen Gewerkschaften würden damit
auf dem Müllhaufen der Geschichte landen, und ein neues Kapitel der
Geschichte würde endlich aufgeschlagen. Und das würde bedeuten,
dass jeder Partei ergreifen müsste.

Die
neuesten Nachrichten sind gerade, dass 'Gilets Jaunes 'eine Monsanto
- Fabrik blockieren, ein Schlüsselelement der globalen Fabrik...

Alèssi
Dell'Umbria, 21. Januar 2019.

Fußnoten
des Autors:

[1]
Beim Warenverkehr geht es nicht nur um den Transport und die
Verteilung von Produkten: Die Waren beginnen zum Beispiel [schon] an
den Warenbörsen zu zirkulieren, bevor sie zum ersten Mal [physisch]
bewegt werden. Umgekehrt werden die Rohstoffe, die ein
Industrieunternehmen zur Verarbeitung kauft, mit Wert versehen weil
sie gekauft wurden, und sie werden selbst Teil der Wertermittlung des
Endprodukts: Hier ist der Kreislauf der Produktion vorläufig.

[2]
Die Kleinunternehmer, die sich weigerten die Steuer auf Diesel zu
akzeptieren, welche ihre allgemeinen Kosten erhöhen würde,
versäumten es nicht sich von den Bettlern zu distanzieren, welche
beabsichtigten zu klagen. Eine 'Gilet Jaune' aus Ales verurteilte so
am 20. Dezember letzten Jahres den Verrat einiger: «Schande über
die 'Unpolitischen', die so tun, als ob sie die 'Gilets Jaunes' der
Sevennen führen, in ihrer Unruhe über das Schreckgespenst der
'Anarchisten', ihnen von den Geheimdiensten in die Ohren
geflüstert... (...) Heute habe ich keine Lust mehr meine Worte mit
Bedacht zu wählen. Aber es ist mit großer Gelassenheit, dass ich
diese vorgeblichen "Koordinatoren" anklage; sie sind
Verräter und Verkäufer der schlimmsten Art. Denn es ist die nackte
Wahrheit, dass ein kleiner Teil der Unternehmer den armen Senioren,
den Arbeitslosen, denen vom Mindestlohn Lebenden und den Prekären
alles versprachen, um sie hinter sich zu scharen. Nachdem sie die
Aufhebung der Steuer erreicht hatten, gaben diese Personen vor die
Bewegung zu strukturieren, so dass sie eine neue Richtung einschlägt,
mit dem Ziel diese historische Bewegung zu stoppen, und sich
anlässlich der Feiern am Jahresende mit Geld zu überfressen. (...)
Was euch betrifft, die Nachbarn und Kollegen, die seit Wochen auf den
Beinen sind; ihr, die ihr auch bei Wind, Kälte, und Regen nicht
aufgegeben habt; Ihr, die an den Sperren Solidarität und Würde
wiederentdeckt habt; Ihr, der Bodensatz ohne Namen, ohne weitere
Ansprüche als ein zweckmässiges Leben; ich salutiere euch, und
sende euch die wärmsten Grüsse der Gilets Jaunes aus dem Elsass,
aus Franche-Comté, von der A7 [Lyon-Marseille] und aus Bollène! »

[3]
Michel Jobert, damals Stabschef von Premierminister Georges Pompidou,
hatte die Operation organisiert - 20 Jahre später prahlte er
öffentlich damit.

[4]
Im Januar 2016 beispielsweise verursachte der Anstieg der
Benzinpreise in Mexiko eine Welle massiver Demonstrationen, welche
oft zu Unruhen und Plünderungen führten; was sicher nicht der
neoliberalen Ideologie zu verdanken war!

[5]
Die Hauptgründe für die Aufruhr waren Steuern und die Wehrpflicht.
Boris Porchnevs Buch ist in dieser Hinsicht erhellend. "Les
soulèvements populaires en France de 1623 à 1648", Paris 1963,
neu aufgelegt: Flammarion 1972.

[6]
Dennoch müssen wir relativieren, welchen Effekt die Blockaden
hatten... Während der Handel in den Innenstädten von den Aufständen
betroffen war, und diese den Umsatz beeinflussten, ist die
Wirksamkeit der Blockaden alles andere als offensichtlich. Die
Versorgung war weiterhin gewährleistet, an den Tankstellen ging nie
der Treibstoff aus, die Supermarktregale wurden weiterhin aufgefüllt
und die weihnachtliche Verschwendung konnte sich frei entfalten, wie
in den anderen Jahren.

[7]
Die Verfassung der Fünften Republik gewährt dem Präsidenten
Befugnisse, welche er unter früheren parlamentarischen Regimen
niemals hatte, insbesondere die Befugnis, durch Präsidialverordnungen
Gesetze ohne die Nationalversammlung zu erlassen. Wir wissen, dass De
Gaulle, jemand von monarchistischer Sensibilität, überlegte 1958
eine konstitutionelle Monarchie einzuführen. Was er auch in gewisser
Weise tat: Ein Monarch, der aber jetzt gewählt wird.

[8]
In der großen Ära der anti-monarchischen Revolten in Okzitanien
identifizierten sich diese Revolten als "lo comun" [langue
d‘oc, die Gemeinde] viel mehr als denn als "lo pòble"


[langue d‘oc, das Volk]

. Das Gemeinsame ist genau das politische
Konzept, welches einer revolutionären Zukunft der Kämpfe
entspricht.

[9]
Der Begriff der "moralischen Ökonomie", den manche mit
Blick auf die Gilets Jaunes verwenden, scheint uns in diesem Fall
nicht relevant zu sein - schon deshalb nicht, weil E. P. Thompson ihn
in Bezug auf eine inzwischen verschwundene englische Arbeiterklasse
formuliert hat, ganz zu schweigen von der "Common Decency",
die George Orwell so wichtig ist. Sicherlich gibt es immer noch eine
weit verbreitete Arbeitsmoral in den populären Klassen, mit der man,
wenn man sich nicht gerade durch die Arbeit der Massen bereichert,
doch zumindest eine gewisse Sicherheit, eine relative Leichtigkeit
und ein vages Gefühl der persönlichen Würde erreichen will. In
diesem Zusammenhang könnte Sarkozys "Mehr arbeiten, um mehr zu
verdienen" bei diesen Menschen Gehör finden. Sie sehen jetzt


[aber]

, dass ihnen nichts davon tatsächlich garantiert ist - nicht
einmal ein wohlverdienter Ruhestand nach einem harten Arbeitsleben.
Die Macronie ist ein Manager-Denken ohne politische Vermittlung auf
die gesamte Gesellschaft angewendet. Der Kapitalismus in seiner
essenziellen Brutalität.

[10]
"Gilets jaunes : la classe moyenne peut-elle être
révolutionnaire ?" LundiMatin 7. Dezember 2018.

[11]
Im Fall von Notre-Dame-des-Landes [NDDL] haben wir gesehen, wofür
dieser kleine institutionelle Trick des Referendums gedacht war - und
Macron war Minister in der Regierung, die diesen protzigen Schlag
versuchte... Jetzt können wir gut sehen, wofür die aktive
Verwirrung [***7] durch Demagogen wie Etienne Chouard steht.

Fußnoten
des Übersetzers:

[***0]
Ich verstehe hier "limonade" als "Bewohner der
Limousin", also von Paris/Versailles aus gesehen "Provinzler".

[***1]
Dell'Umbria verwendet hier "parpagnàs" als Bezeichnung für
Menschen, ein Wort, dass eigentlich so etwas wie "übrigens"
oder "nebenbei bemerkt" bedeutet.

[***2]
Dell'Umbria verwendet hier "soldèrent", was sowohl "in
etwas enden", wie auch "etwas im Preis herabsetzen"
bedeutet, so dass das Bild der Niederlage von dem des Schlussverkaufs
überlagert wird.

[***3]
Eigentlich ein Wortwitz, so etwas wie "Es lebe sein
Aussterben!".

[***4]
Dell'Umbria verwendet hier "drapeaux BBB". Nach wirklich
langwieriger Recherche kann ich nur vermuten, dass dies ein Fehler im
Orginaltext ist, und "drapeaux BBR", also "bleu,
blanc, rouge" heissen soll, die Farben der französischen
Nationalflagge.

[***5]
Dell'Umbria verwendet hier "déboulés", was sowohl
"herbeistürmen" bedeutet, als auch "herunterpurzeln".

[***6]
Dell'Umbria verwendet hier "citoyennistes", also vielleicht
eher "die, welche der Ideologie des Staatsbürgers anhängen"
oder "Staatsbürger-Fetischisten"

[***7]
Dell'Umbria verwendet hier "confusionnisme", ein Wortspiel
mit "confusion" [Verwirrung], und "confucianisme"
[Konfuzianismus].

[***8]
Zumindest im Subtext hat diese "alltägliche Sklaverei"
aber zwei Ebenen: Zum einen die fremdbestimmte, aber doch geregelte
Lohnarbeit der Mittelklasse des Westens, darunter aber als Unterbau
auch noch das oft völlig unregulierte, oft wirklich Sklaven-gleiche
Schuften der Marginalisierten des globalen Südens.

[***9]
Alle meine Wörterbücher schlagen mir hier "Rassenfrage"
vor, doch was immer der Kontext im Französischen, ist doch dieser
Begriff im Deutschen selbst ein rassistischer. Und, nach kurzer
Reflektion sollte allen klar sein, dass die "Rassenfrage"
letztendlich nichts weiter ist, als die Frage oder vielleicht eher
die Problematik des Rassismus.

Fußnoten
und Anmerkungen des Lektors:

(a)
Adama Traoré starb bei seiner Festnahme durch die Bullen in einem
Vorort von Paris. Familienangehörige und Freunde kämpfen seitdem
gemeinsam gegen den strukturellen, gewalttätigen Rassismus bei den
Bullen. Das Komitee ist mittlerweile in Frankreich sehr bekannt.

(b)
https://non.copyriot.com/der-zweite-aufruf-von-commercy-den-aufbau-der-versammlungen-zu-generalisieren/

©
https://www.youtube.com/watch?v=5fRlwjwJ-Do

Mir
oblag die undankbare Aufgabe, bei beschränkten
Fremdsprachenkenntnissen, die liebevolle Übersetzungsarbeit des
Genossen zu lektorieren. Eine besondere Schwierigkeit besteht darin,
dass den geneigten Leser*innen die diversen politischen und
gesellschaftlichen Ereignisse, auf die sich der Text bezieht, nur zum
Teil bekannt sein dürften. Anderseits würde es wenig Sinn machen,
alle erwähnten Geschehnisse und Subtexte zu erklären, bzw. zu
schildern. Auch dürften weitere in Klammern gesetzte Erläuterungen
den Text unlesbar gestalten, bzw. macht es keinen Sinn endlos
ausufernde Fußnoten anzuhängen. So muss ein Jeder und eine Jede nun
mit dem vorliegenden Kompromiss leben.

Sebastian
Lotzer, 27. Januar 2017

Der Beitrag “FULL METAL YELLOW JACKET” erschien zuerst auf non.copyriot.com.


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